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Vorträge über Heinrich Weber

Vortrag von Professor Manfred Hermanns

zum 90jährigen Jubiläum des Diözesan-Caritasverbandes Münster

22. September 2006

 

1. Gründung des Diözesan-Caritasverbandes Münster und die Berufung von Heinrich Weber

Mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges, 1915, erkannte die Fuldaer Bischofskonferenz den 1897 gegründeten Caritasverband als die offizielle Gesamtvertretung der deutschen Caritaswerke an und beschloss die Gründung von Diözesanverbänden. Sie trug damit den sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in der deutschen Gesellschaft Rechnung und wollte der zunehmenden Not entgegensteuern. Der Münsteraner Bischof Johannes Poggenburg setzte als einer der ersten diesen Beschluss für sein Bistum um. Er lud die bestehenden caritativen Organisationen zur Gründungsversammlung des Diözesan-Caritasverbandes am 26. Juli 1916 ein. Am 9. Februar 1917 erfolgte die Eintragung des Diözesan-Caritasverbandes in das Vereinsregister beim Amtsgericht Münster.

Zuvor hatte der Bischof den 27jährigen Kaplan an St. Ludgeri Heinrich Weber am 17. September 1916 zum ersten „Diözesansekretär“ des neugegründeten Caritasverbandes bestellt. Weber erhielt damit seine lebensprägende Aufgabe, die er von Anfang an mit grossem Elan anfasste. Die äusseren Bedingungen waren zunächst äusserst ungünstig. „Bei der Gründung war kein Büro da, keine Hilfskraft, kein Material, kein Pfennig Geld, nur eines war da: Der Befehl zu arbeiten.“

Das erste Büro entstand in der Privatwohnung von Heinrich Weber in der zentral gelegenen Salzstraße, im Haus 5/6, wo heute ein modernes Geschäftshaus steht. Um die notwendigen Finanzmittel zu erwerben, wurden keine Anträge an Staat oder Kirche gestellt, sondern Mitglieder geworben, um mit Hilfe der Mitgliederbeiträge und freiwilliger Spenden das Büro einzurichten. Erst 1921 konnte der Caritasverband Räume im Ludgerushospiz anmieten.

Die Werbungsaktion war äusserst erfolgreich. Bereits im Oktober 1918 hatte der Diözesan-Verband 2239 Mitglieder, darunter 359 Pfarreien. Im Geschäftsjahr 1917/18 konnte er 10 214 Mark an Beiträgen und Spenden einnehmen. Mit der Werbung war Öffentlichkeitsarbeit verbunden. Zu ihrer Information erhielten die Mitglieder die Zeitschrift „Caritas“ oder die „Caritasstimmen“. Gleichzeitig setzte eine intensive schriftliche Beratungstätigkeit ein. Das Korrespondenzbuch wies am Jahresende 650 Briefe auf, „ein Resultat, das den besten Beweis für das stets wachsende Bekannt-werden des jungen Verbandes“ bot. Noch im Jahr 1917 brachte Weber einen kommentierten, nach Klientengruppen gegliederten 48seitigen „Wegweiser durch die Wohlfahrtseinrichtungen der Stadt Münster “ heraus.

Um der Ernährungsnot in den Städten zu begegnen, entwickelte der Diözesan-Caritasverband ein beachtenswertes Programm der Kinderlandverschickung. Mehr als 7000 Stadtkinder aus dem Bistum Münster wurden allein im Winter 1917/18 aufs Land in Pflegefamilien vermittelt.

Neben der Arbeit als Diözesansekretär lud sich Weber eine Fülle weiterer Aufgaben auf. Seit 1916 studierte der Theologe im Zweitstudium Volkswirtschaft in der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster. Ferner lehrte er an der 1917 neugegründeten Wohlfahrtsschule in Münster, einer Vorgängereinrichtung der heutigen Katholischen Fachhochschule, selbst Volkswirtschaftslehre und Wohlfahrtslehre. Zudem war er publizistisch in der Tagespresse und in caritativen Fachzeit-schriften tätig. In seinem ersten Artikel von 1917 mit dem Titel „Der Priester und die Caritas“ rief er die Geistlichen auf, sich im Interesse ihres Seelsorgeamtes der Caritassache anzunehmen. „Durch die Gewährung caritativer Hilfe kann er den erwünschten seelsorgerischen Einfluss gewinnen (…) Seelsorger und Caritas – diese zwei Begriffe sollten auch in unserer Zeit und gerade in unserer Zeit untrennbar sein.“

. Mit soziologischem Weitblick erkannte er die politischen und sozialen Umbrüche zu Ende des Ersten Weltkrieges und die zunehmenden sozialen Notlagen, die nur gemeinsam durch „staatliche, humanitäre und interkonfessionelle Wohlfahrtsarbeit“ zu bewältigen seien, – dann aber auch an die eigene Adresse gewendet: „Lassen wir uns nicht durch sie beschämen. Stehen wir nicht müßig beiseite, lassen wir uns nicht ausschalten! Man arbeitet und man wird arbeiten auch ohne uns. Aber besteht dann nicht Gefahr, dass man auch gegen uns arbeitet!“

Praktischen Nutzen hatte seine Informationsschrift „Sozial-caritative Frauenberufe“, und die der Aufklärung dienende Schrift „Die volkswirtschaftliche Bedeutung der katholischen Ordensschwestern“, die Weber bereits als volkswirtschaftlich wie theologisch orientierten Caritaswissenschaftler ausweist. Er konnte überzeugend nachweisen, wie die Arbeitskraft der damals 67 000 Ordensschwestern dem Staat jährlich eine Ersparnis von 46 900 000 Mk einbrachte, was heute einer Summe von mehreren Milliarden Euro entsprechen würde. Mit nüchternem Zahlenwerk begegnete er den von liberaler wie sozialistischer Seite kräftig geschürten Vorurteilen und dem wachsenden Hass gegen die Orden. „Wenn jeder in unserem deutschen Vaterlande so fleißig wie sie seine Hände zu emsiger Arbeit rühren würde, wahrlich, es wäre um unsere Volkswirtschaft glänzend bestellt.“

2. Politische und soziale Situation nach dem Ersten Weltkrieg

Das chaotische Ende des Ersten Weltkrieges und die Revolution von 1918/19 stellten die Christliche Gesellschaftslehre und die Caritas vor neue Herausforderungen. Die Sozialisten konnten bei den Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung und später zum Reichstag nicht die absolute Mehrheit gewinnen. Es kam zur Weimarer Koalition von SPD, Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei, d. h. zur politischen Zusammenarbeit von Sozialdemokratie, katholisch christlicher Sozialpolitik und demokratischem Wirtschaftsliberalismus. Diese drei Parteien einigten sich auf den Wohlfahrts- bzw. Volksstaat, einen Begriff, den der liberale Verfassungsrechtler Hugo Preuß zur Abgrenzung vom vorausgegangenen Obrigkeitsstaat einführte.

Bildungs- und Sozialpolitik erfuhren nach dem Ersten Weltkrieg einen Aufschwung trotz der belastenden politischen und wirtschaftlichen Situation (verlorener Krieg, unorganisierte Demobilmachung, Arbeiter- und Soldatenräte, politische Unruhen, Diktatfrieden von Versailles). In der Weimarer Verfassung und den ersten Gesetzen wurde eine liberale Wirtschaftsordnung mit starker sozialer Komponente:  Arbeitsschutz, Sozialversicherung, Jugend- und Wohlfahrtspflege, Erwerbslosenfürsorge, 48-Stunden-Woche verankert, Strukturelemente, für die der Sozialpolitiker und Sozialreformer Franz Hitze im Reichstag von 1884 an 37 Jahre gekämpft hatte. Sein Nachfolger auf dem 1893 geschaffenen Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre sollte der Diözesansekretär Heinrich Weber werden, der am 19. August 1920 zum Diözesan-Caritasdirektor aufstieg. Weber stellte sich ganz in den Dienst des Aufbaus des neuen Wohlfahrts- und Sozialstaates, wenn er auch nicht wie Franz Hitze selbst Reichstags- und Landtagsabgeordneter wurde. Aber er stand dem Zentrum als der „schichtenübergreifenden sozialen Integrationspartei“ nahe. Er gehörte zu den jungen Intellektuellen, die trotz des politischen Desasters von einer Aufbruchstimmung getragen wurden. Er zählte auch zu denen, die aus weniger begüterten Gesellschaftsschichten erstmals Aufstiegschancen wahrnehmen konnten. Heinrich Weber entstammte einer Volksschullehrerfamilie in Recklinghausen nahe der Emscherregion, in der zwei Jahrzehnte zuvor der Kohlenbergbau Einzug gehalten hatte. Besonders für Katholiken war es vor 1918 nahezu unmöglich, an den Univer-sitäten ausserhalb der Katholisch-Theologischen Fakultät Karriere zu machen. Diese politischen und sozialen Bedingungen sind zu berücksichtigen, um Webers Aufstieg und seine Leistung einordnen und verstehen zu können.

3.  Promotionen und Habilitation

1919 promovierte Heinrich Weber bei dem Wirtschaftswissenschaftler Josef Schmöle (Referat) und dem Soziologen und Staatswissenschaftler Johann Plenge (Korreferat) zum Dr. rer. pol. mit einer Dissertation über „Das Lebensrecht der Wohlfahrtspflege“, in der er der damals umstrittenen Frage der Berechtigung der freien Wohlfahrtspflege nachging. Kritisch erörterte er die Positionen der philosophischen, volkswirtschaftlichen und politischen Gegner der Wohlfahrtspflege, insbesondere der freigemeinnützigen. Er wandte sich gegen die Allkompetenz des Staates und die Monopolisierung der gesamten Wohlfahrtspflege in den Händen der Kommunen unter Nichtbeachtung der karitativen Organisationen, wie dies vor allem von sozialdemokratischer Seite nach dem Ersten Weltkrieg angestrebt wurde. Gerade die freigemeinnützige Wohlfahrtspflege sei die „Pfadfinderin der öffentlichen Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik“. In seinem Gutachten hob Schmöle hervor, dass Weber als Caritassekretär die einmalige Gelegenheit gehabt hätte, das erforderliche Material möglichst restlos zu sammeln. „So konnte er seiner Dissertation eine Grundlage geben, wie sie gediegener wohl nur sehr selten für eine Doktorarbeit beschafft wird. Die Arbeit stellt aber nicht nur dem Fleiss und der Umsicht des Verfassers, sondern auch dem Scharfsinn seiner Dialektik ein vortreffliches Zeugnis.“ Vor allem zollte Schmöle der „Objektivität Anerkennung, mit der die Leistungen beider christlicher Konfessionen auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege [..] gewürdigt werden.“

In klarer Begrifflichkeit fasste Weber die Wohlfahrtspflege als freiwillige, aber ziel-orientierte, organisierte Tätigkeit, die sich sozialen Gruppen zuwendet und vorbeugend und heilend wirkt. Die alternative Frageform: freigemeinnützige oder öffentliche Wohlfahrtspflege oder Sozialpolitik wollte er in eine positive verwandelt wissen: freigemeinnützige und öffentliche Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. Weber wies der Wohlfahrtspflege nicht allein die wirtschaftliche Versorgung bedürf-tiger Bevölkerungskreise zu, sondern in einer ganzheitlichen anthropologischen Sicht auch geistig-kulturelle, moralische und religiöse Aufgaben.

Weber sorgte sich um die Qualifizierung des Personals der sozialen Arbeit, die nach seiner festen Überzeugung ausser Fachkenntnissen ein ethisches Profil des Sozialarbeiters verlangte. Er sprach  sich für eine Verbesserung der Ausbildung der beruf-lichen Kräfte in der Sozialarbeit aus. Diese bildungspolitische Zielsetzung verfolgte er in der gesamten Zeit der Weimarer Republik intensiv weiter.

Nach erfolgreicher Promotion bot Professor Plenge Kaplan Weber an, ab dem Sommersemester 1920 im Rahmen des Staatswissenschaftlichen Instituts Vortragsreihen über Wohlfahrtspflege zu übernehmen. Weber wurde Geschäftsführer seines Ausschusses für Jugend- und Wohlfahrtspflege. Dieser bereitete zweisemestrige Sonder-kurse für Jugendamtsleiter nach dem geplanten Reichsjugendwohlfahrtsgesetz vor. Mit diesen Lehrgängen ging die Universität Münster allen anderen deutschen Universitäten voran. Im Sommersemester 1920 übernahm Weber zwei Vortragsreihen mit den Themen „Einführung in die Wohlfahrtskunde“ und „Praktische Fragen der Jugendpflege und Jugendfürsorge“ und im Wintersemester 1920/21 eine Vortrags-reihe über das „Problem der Armut“.

Knapp zwei Jahre nach seiner ersten Promotion, 1921, habilitierte sich Weber in der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät für soziales Fürsorgewesen mit dem Thema „Akademiker und Wohlfahrtspflege im deutschen Volksstaat“. Hierin erwies er die Notwendigkeit der Einführung der Wohlfahrtskunde an den Universitäten. Diese weitblickende Zielsetzung konnte bis heute nicht voll in dem von ihm intendierten Sinn erreicht werden. Bei seiner empirischen Erhebung ermittelte er, dass nur 1 % der damals in der Wohlfahrtspflege tätigen Männer und 8 % der dort beschäftigten Frauen eine Fachschulung besaßen. Weber hielt dies bei der wach-senden und bereits immer differenzierter werdenden Wohlfahrtsarbeit für völlig unzureichend und trat deshalb erneut für eine qualifizierte Ausbildung des hauptamtlichen Personals in sozialen Diensten ein.

Er begründete darüber hinaus „die Wohlfahrtskunde als Wissenschaft“ im Gesamtspektrum der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und zeigte erstmals die vielfältigen Beziehungen zwischen der Volkswirtschaft und der Wohlfahrtspflege auf. Die Wohlfahrtskunde leiste einen erheblichen Beitrag zur wirtschaftlichen, physischen und geistig-moralischen Hebung des Volkes. Die leitenden Kräfte in der Wohlfahrtspflege brauchten die universitäre Ausbildung, um 1. die Organisationsaufgaben zur effizienten Durchführung der sozialen Arbeit bewältigen zu können, 2. neue Handlungsfelder aufzunehmen, wobei der Prophylaxe ein wichtiger Stellenwert zukomme, 3. die übrigen Mitarbeiter anleiten und fortbilden zu können. „Die Wohlfahrtspflege bedarf für ihre leitenden Stellen der akademisch-wissenschaftlichen Schulung, der Akademiker bedarf der Kenntnis der Wohlfahrtskunde.“

Weber wies die Bedeutung der Wohlfahrtskunde für Theologen, Philologen, Mediziner, Juristen und Volkswirtschaftler auf. Das leitende soziale Personal müsse für seine Aufgaben nicht nur theoretisch ausgebildet, sondern auch durch Praktika vorbereitet werden. Weber sah sehr früh die Berufsorientierung der Hochschulen als notwendig an und brachte durch seine Habilitationsschrift zugleich einen wichtigen Beitrag ein zur Universitätsreform im neuen freiheitlichen, demokratischen und sozialen „Volksstaat“, der „auf dem Prinzip der politischen Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Staatsbürger“ aufgebaut sei und den er als „Kultur- und Wohlfahrtsstaat“ verstand. Die weitblickenden Intentionen Webers fanden zwar ein sehr positives Echo in der Rezensionsliteratur, wurden aber hochschulpolitisch nur unzureichend in den Folgejahren realisiert, sei es aus universitärer Traditionsblindheit, sei es aus politischer Immobilität oder auch wegen der finanziellen Engpässe der Weimarer Republik. Die Ausbildung zum Wohlfahrtspfleger oder Fürsorger blieb in der Weimarer Republik weithin auf Fachschulniveau beschränkt, erst Anfang der sieb-ziger Jahre wurde sie auf die Fachhochschulebene angehoben.

Als Experte für Ausbildungsfragen in der Wohlfahrtspflege war Weber über den Caritasverband und die Universität hinaus gefragt. Er nahm im Oktober 1921 an der Vor-bereitung der Fachkonferenz der Reichsgemeinschaft der Hauptverbände der freien Wohlfahrtspflege teil. Er hielt dort ein intensiv diskutiertes Referat zum „Verhältnis von Wohlfahrtspflege und Hochschulstudium“, in dem er für die leitenden Kräfte der sozialen Arbeit einen eigenen selbständigen Studiengang „Wohlfahrtskunde“ vorschlug, der auf einem nationalökonomischen Studium aufbauen sollte. Andere Teil-nehmer glaubten mit Lehraufträgen auskommen zu können oder wünschten sich einen soziologischen oder pädagogischen Unterbau.

Es zeugt von dem enormen Arbeitspensum Webers, dass er nur wenige Monate später seine theologische Dissertation „Die religiös-ethischen Grundlagen der Fürsorgearbeit in Judentum und Christentum“ der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen vorlegen konnte. Diese verlieh ihm den Grad eines Dr. theol. am 28. April 1922. Sein Doktorvater, der Sozialethiker Otto Schilling, betonte in seinem Gut-achten: „Aus dem reichen Inhalt seien namentlich hervorgehoben die Ausführungen über das Wesen der christlichen Fürsorgearbeit“ und „der Versuch, eine Theorie der katholischen Caritas zu entwickeln“. Eigentlich war diese bisher unveröffentlichte caritaswissenschaftliche Dissertation mehr; sie war die erste systematische theoretische Abhandlung über die religions- und konfessionsspezifischen Grundlagen der sozialen Arbeit. In ihr wurden die Gemeinsamkeiten und die Differenzierungen der religiösen Einflüsse auf die Zielsetzung und Motivierung der sozialen Arbeit herausgearbeitet. Weber sah in der religiösen Orientierung der Menschen die „stärksten Impulse“ für die soziale Arbeit.

Besonders bemerkenswert ist, dass Weber in dem antisemitisch geprägten Zeitalter die Bedeutung der religiösen Quellen für die jüdische Fürsorgearbeit erschloss. In Anbetracht der „durch den Weltkrieg ins Riesenhafte gesteigerten Not“ plädierte er für ein Zusammenwirken der Konfessionen und Religionen in der Sozialarbeit. Er leugnete nicht die Verschiedenheiten, aber „hier sei das Problem zu lösen, wie trotz der Eigenart, ja sogar unter Wahrung und Pflege derselben, ein auf gegenseitiger Achtung beruhendes verständnisvolles Zusammenarbeiten erzielt werden kann“. Mit dieser praktischen ökumenischen Zielsetzung war Weber seiner Zeit weit voraus.

4.    Lehr- und Forschungstätigkeit

4.1. Berufung auf den Lehrstuhl von Franz Hitze

Noch bevor das theologische Promotionsverfahren in Tübingen abgeschlossen war, übersandte die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Münster dem Preussischen Kultusminister am 1. Februar 1922 ihre Vorschlagsliste, auf der Heinrich Weber auf Platz 1 für die Nachfolge von Franz Hitze stand. Hitze selbst hatte Weber als „die geeignetste Persönlichkeit“ „aufs wärmste empfohlen“, weil er Erfahrungen in der praktischen Seelsorge hätte und enge Beziehungen zum Diözesanklerus unterhalte und deren Hochschätzung und Vertrauen geniesse.

Aber auch die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät hatte ein Interesse, Weber nicht zu verlieren. Sein Übertritt in die Katholisch-Theologische Fakultät hätte nach dem Urteil Plenges „seiner Lehrtätigkeit den besonderen fachmännischen Charakter für soziales Fürsorgewesen und Wohlfahrtspflege genommen und den Radius seiner Lehrtätigkeit verkürzt, weil er damit im wesentlichen für die Studierenden der katholischen Theologie und nicht für den Gesamtkreis der Studierenden aller Fakultäten unabhängig von konfessionellen Unterschieden gesprochen hätte. Es kommt aber schliesslich doch darauf an, gerade einer Lehrtätigkeit für soziales Fürsorgewesen einen Widerhall im ganzen Volke zu geben.“

Es sei erforderlich, „dass die soziale Wohlfahrtspflege als Fachgebiet im Fachkreise der praktischen Gesellschaftslehre und sozialen Politik erhalten bleibt“. Webers Lehrtätigkeit im Fürsorgewesen wurde zu Beginn der Weimarer Republik als ein politisches Signal mit zukunftsweisendem Charakter verstanden. Die Katholisch-Theologische Fakultät war bereit, auf die Vorschläge Plenges einzugehen, wenn gewisse Bedingungen durch vertragliche Abmachungen zwischen den beiden Fakul-täten sichergestellt würden. So kam es zu einer in der Universitätsgeschichte äusserst seltenen Vereinbarung zwischen der Katholisch-Theologischen und der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät. Danach sollte Weber als Ordinarius für soziales Fürsorgewesen und Gesellschaftslehre an die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät berufen werden, mit der gleichzeitigen Verpflichtung für einen Lehrauftrag an der Katholisch-Theologischen Fakultät. Während seiner Zugehörigkeit zur Rechtswissenschaftlichen Fakultät sollte die in der Theologischen Fakultät befindliche Professur für Christliche Gesellschaftslehre ruhen.

Aufgrund mehrerer Stellungnahmen von Plenge sowie des Caritaspräsidenten Benedikt Kreutz, die die Signalwirkung dieser Professur für das Fürsorgewesen und die Caritas in Verbindung mit der Christlichen Gesellschaftslehre zu Beginn der Weimarer Republik verdeutlichen, kam die Vereinbarung zwischen den beiden Fakultäten am 4. August 1922 zustande. Gemäß dieser Vereinbarung erfolgte am 7. September 1922 Webers Ernennung zum ordentlichen Professor, zunächst in der Katholisch-Theologischen Fakultät. Nachdem die interfakultative Vereinbarung sowohl vom zuständigen Minister wie vom Bischof von Münster genehmigt war, wurde Weber am 27. Oktober 1922 das Recht erteilt, diese Professur in der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät wahrzunehmen. Mit den Lehrverpflichtungen in zwei Fakultäten nahm er eine starke akademische Belastung auf sich, hatte damit aber auch die seltene Chance, sowohl Studenten der Wirtschaftswissenschaften wie der Theologie mit dem Fürsorgewesen und der Caritas vertraut zu machen.

Als einer der staatswissenschaftlichen Ordinarien wurde er an der Leitung des Staats-wissenschaftlichen Instituts beteiligt, ebenso in den folgenden Jahren an der Direktion des neugegründeten Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, das an die Stelle des Staatswissenschaftlichen Instituts trat.

4.2. Lehre und Forschung am Institut für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften

Am Institut für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wurden neben den Wirt-schaftswissenschaften besonders sozialwissenschaftliche Forschung und Lehre betrie-ben. Innerhalb des Instituts wurden 12 Seminare aufgebaut. Weber war zuständig für die Seminare für Arbeitsvermittlung und Berufsberatung, Sozialpolitik, Fürsorgewesen und seit 1929 für Wirtschafts- und Sozialpädagogik, ferner für Gewerkschaftswesen. Alle Seminare gaben eigene Schriftenreihen heraus. Das Arbeitsprogramm des Seminars für Fürsorgewesen, das hier besonders interessiert, war die wissenschaftliche Erfassung und Vertiefung des gesamten Fürsorgewesens, heute würden wir sagen der Sozialarbeit, in Staat und Gemeinde sowie der freien Träger. Ähnliche Lehr- und Forschungseinrichtungen für Fürsorgewissenschaft oder Wohlfahrtskunde gab es nur an drei anderen deutschen Universitäten: Berlin, Freiburg und Frankfurt/Main. Weber bevorzugte in seinen frühen Forschungsarbeiten den Begriff Wohlfahrtskunde, später gelegentlich auch den Begriff Fürsorgewissenschaft. Er erstrebte nicht allein eine Professionalisierung der Sozialen Arbeit, sondern auch ihre Verwissenschaftlichung im Dienst der Praxis. Weber legte Wert auf eine qualifizierte fürsorgewissenschaftliche Aus- und Fortbildung für Frauen und Männer. Dies war insofern ein Novum, als bis 1927 an den Wohlfahrtsschulen ausschliesslich eine Ausbildung für Frauen stattfand. Bis zum Winter 1933/34 wurden am Seminar für Fürsorgewesen 14 einjährige „Lehrgänge für soziale Fürsorgearbeit“ für leitende Sozialbeamte und Führungskräfte sozialcaritativer Organisationen (Männer und Frauen) durchgeführt, in denen neben theoretischer Ausbildung eine Einführung in die praktische Arbeit erfolgte. Lehrfächer waren 1. Sozialpädagogik, 2. Volkswirtschaft incl. Arbeitsvermittlung und Berufsberatung sowie Rechtswissenschaften in Fragen des Bürgerlichen Rechts, des Verwaltungsrechts und der Sozialgesetzgebung, 3. Sozialhygiene, 4. Geschichte und gegenwärtiger Stand der Wohlfahrtskunde.

Eine ausgezeichnete Fachbibliothek, die bis 1931 auf 4000 Bände angewachsen war, diente der Forschung. Besonders erwähnenswert ist, dass hier in Münster Dissertationsthemen zur Fürsorgewissenschaft vergeben wurden, darunter erstaunlich viele Arbeiten an Studentinnen. Nicht allein der Präsident des deutschen Caritasverbandes Benedikt Kreutz promovierte bei Weber, sondern auch eine evangelische Pfarrerstochter. Meines Wissens gab es in Deutschland zu dieser Zeit keinen anderen geistlichen Professor, der Frauen zur Promotion führte. In der Theologischen Fakultät wäre ihm dies damals nicht möglich gewesen. Weber stand der Frauenbewegung und dem Frauenstudium ausgesprochen aufgeschlossen gegenüber. Fast alle Bereiche der damaligen Fürsorge wurden bei den Dissertationen berücksichtigt: von der Kinder-, Jugend- über die Familien- bis zur Altersfürsorge, ferner die Fürsorge für ver-schiedene Gruppen von Behinderten: körperlich Behinderte, Blinde, Gehörlose und zudem die damals aktuelle Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenenfürsorge. Ein besonderes Interesse hatte Weber an organisationssoziologischen Themen. So liess er den Caritasverband, die Innere Mission wie die Arbeiterwohlfahrt, aber auch die damals neuen Wohlfahrts-, Jugend- und Gesundheitsämter als Organisationen untersuchen.

Es würde zu weit führen, auf die Fülle seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen in diesen Jahren näher einzugehen. 1923 erschien als Einführung in das neue Reichsjugendwohlfahrtsgesetz sein Buch „Jugendfürsorge im deutschen Reich“, das in Ausbildung und Praxis der Jugendfürsorge und Jugendpflege starke Beachtung fand. 1924 folgte die Schrift „Das kommunale Jugendamt“.

Seit Mitte der zwanziger Jahre wandte sich Weber vermehrt theoretischen Fragestellungen der Sozialwissenschaften zu. Ergebnis dieser Forschung war die „Einführung in die Sozialwissenschaften“ und die mit dem Sozialethiker Peter Tischleder verfasste „Wirtschaftsethik“. Die als „Lehrbuch“ konzipierte „Einführung“ ist sein ausgeprägt soziologisches Werk. Die „Wirtschaftsethik“ klärt methodische und erkenntnistheoretische Vorfragen des Verhältnisses von Ethik und Wirtschafts-wissenschaften, thematisiert die ethischen Grundkräfte Gerechtigkeit und Liebe und behandelt in drei Hauptteilen: 1. Fundament und Organisation der Wirtschaft, 2. den Wirtschaftsprozess und 3. den Markt als Ausgleichsfunktion im Wirtschaftsprozess. Aus heutiger Sicht ist besonders interessant, was Weber zur Ordnung der Wirtschaft ausführte. Dazu verglich er die beiden Modelle der individualistischen und der kollektivistischen Wirtschaftsordnung miteinander, arbeitete ihre philosophisch-anthropologischen Wurzeln heraus und zeigte ihre jeweiligen Einseitigkeiten auf. Der Solidarismus wird als wirklichkeitsorientierte Synthese und gesunde Mitte zwischen den beiden gegenteiligen Positionen des Individualismus und Kollektivismus vor-gestellt. Was zur Steuerpolitik, Kartellgesetzgebung und zur politisch-rechtlichen Rahmenordnung einer liberalen Wirtschaft ausgeführt wurde, kann als hinführende Vorstufe zur „sozialen Marktwirtschaft“ interpretiert werden. In diesem Zusam-menhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass Müller-Armack, der Schöpfer dieses Begriffs, in den folgenden Jahren Wirtschaftsprofessor in Münster war, bevor er nach Köln ging und Staatssekretär bei Ludwig Erhard wurde. In Münster wurden Anfang der dreissiger Jahre Konzepte vorgedacht, die dann erst nach dem Zweiten Weltkrieg die Chance zu ihrer Realisierung erhielten.

Ferner hat Weber zwischen 1925 und 1933 mehr als 30 Artikel in Fachzeitschriften, Handbüchern, Lexika und Festschriften zu sozialpolitischen, sozialgeschichtlichen, wirtschafts- und caritaswissenschaftlichen Themen veröffentlicht. Es beeindruckt die Spannweite seiner Arbeiten. Da finden sich Analysen auf empirischer Grundlage „zur sozialen Gegenwartslage Deutschlands“, zu den „Arbeitsbedingungen in Rheinland und Westfalen“, Abhandlungen zur Sozialversicherung sowie zu der während der Weltwirtschaftskrise verbreiteten Arbeitslosigkeit, geschichtliche Arbeiten zu führenden Sozialreformern, mehrere Schriften zur Wirtschaft, Organisation und Betriebsführung der Caritas und zu verschiedenen speziellen Bereichen der sozialen Arbeit sowie eine caritasgeschichtliche Abhandlung über das gesamte Aufgabenfeld der Caritas im Bistum Münster. Seine Werke fanden in der Weimarer Zeit starke Beachtung. Fachzeitschriften der Philosophie, Theologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit brachten Rezensionen seiner Werke. Seine Gedanken zur Wohlfahrtskunde wurden in Wohlfahrtsschulen vermittelt und an vielen Orten der Praxis realisiert.

5.  Arbeit und Funktionen im Caritasverband

In all diesen Jahren war Heinrich Weber gleichzeitig auf den verschiedenen Ebenen im Deutschen Caritasverband engagiert. Auf Bistumsebene wurde er am 4. August 1923 zum 1. Vorsitzenden des Diözesan-Caritasverbandes Münster ernannt.

5.1. Leitung des Diözesan-Caritasverbandes Münster

Das Aufgabenfeld des Caritasverbandes der Diözese Münster war in der Zeit der Weimarer Republik äusserst vielseitig und erstreckte sich auf die drei Bereiche Gesundheits-, Sozial- und Wirtschafts- sowie Erziehungsfürsorge. Das entsprach der damals geläufigen Einteilung der sozialen Arbeit. Insgesamt bestanden im Bistum Münster 580 Einrichtungen der Erziehungsfürsorge (Kindergärten, Kinderhorte usw.), 227 Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge, darunter 167 Krankenhäuser und 63 Institutionen der Wirtschaftsfürsorge. Nicht alle Einrichtungen hatten unmittelbar das Bistum, sondern zum großen Teil weibliche und männliche Ordensgemeinschaften sowie konfessionelle Vereine zum Träger.

Während der Amtszeit von Weber als Direktor und dann als 1. Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes wurden im Bistum 8 Krankenhäuser, 23 Erholungsheime und Kinderheilstätten, 4 Altersheime, 9 Internate, 17 Erziehungs-heime neu gegründet, darunter das heilpädagogisch fortschrittliche Albertus-Kolleg in seiner Heimatstadt Recklinghausen. Schwergewichte des Ausbaus lagen bei der Gesundheits- und bei der Erziehungsfürsorge. Weber hat einen mit Bildern reich illustrierten Band über die gesamte katholische Anstaltsfürsorge des Bistums Münster geschaffen. Er ist ein Zeugnis des pädagogischen, religiösen und kulturellen Lebens und der Vielfalt caritativ-kirchlicher Initiativen in der Weimarer Zeit.

Weber nahm zusammen mit 164 weiteren Priestern an der Diözesansynode des Bistums Münster im Oktober 1924 teil. Der vorbereitende Ausschuss für „Vereinswesen – Soziale Frage – Wohlfahrtspflege“ bereitete die Synodenvorlage „Die Gegenwartsaufgaben der kirchlichen Wohlfahrtspflege“ vor, die deutlich die Handschrift Webers trägt. Das Papier betonte die Notwendigkeit der „Zusammenfassung aller caritativen Einrichtungen“ des Bistums. Es legte Wert auf eine qualifizierte Ausbildung der Mitarbeiter sowie auf deren caritative Einstellung. Der Ausschuss strebte die Durchstrukturierung des Caritasverbandes im gesamten Bistum an: „Es ist dringend erwünscht, dass in jedem Orte des Bistums ein Caritasverband oder -ausschuß besteht unter Leitung eines Geistlichen oder auch eines Laien.“.

Weber ging in den nachfolgenden Jahren tatkräftig an die Verwirklichung der Syn-odenbeschlüsse. Der Bericht des Diözesan-Caritasverbandes Münster von 1930 wies hin auf den Ausbau und die Konsolidierung der caritativen Einrichtungen während der zwanziger Jahre. Er würdigte die lebensraumbezogene, basisdiakonische Arbeit der an die Gemeinden angebundenen Elisabeth- und Vinzenzvereine, die unmittelbar vor Ort ein erfahrbares Zeugnis für den caritativen Sendungsauftrag der Kirche geben und den Kontakt zu dem konkreten Leid der Gemeindemitglieder halten. Weber hob die motivierende Kraft des Glaubens für die dienende Arbeit hervor: Die Caritas entnimmt „ihre Antriebe nicht einfachen Nützlichkeitserwägungen, politischen Zielsetzungen und allgemeinen menschlichen Rücksichten, sondern [leitet] aus ewigen unerschöpflichen Motiven ihre Kraft her“.

Die Durchorganisation der gesamten diözesanen Caritasarbeit war bis zum Ende der Weimarer Republik gelungen. 1933 gab es im Bistum Münster 39 Dekanats-Caritasverbände und den Landesverband Oldenburg. Diese waren wiederum in 684 carita-tive Ortsvereine untergliedert. Die Koordinierung aller caritativen Institutionen sah Weber als die zentrale Aufgabe des Diözesan-Caritasverbandes an. Bei der schon in den zwanziger Jahren zunehmenden Spezialisierung der sozialen Arbeit und der damit verbundenen Gefahr des Neben- oder gar Gegeneinanderarbeitens erkannte er das Erfordernis der Vernetzung. Ferner sah er den Caritasverband als „Verteidiger und Sachwalter, Hüter und Treuhänder“ der vielfältigen stillen Caritasarbeit, „die im Weltgetrie-be des Alltags meistens übersehen (…) wird“.

Da Weber entschieden Wert auf eine qualifizierte Ausbildung legte, hat er die vorhandenen Ausbildungs-einrichtungen gefördert und ausgebaut, andere neu geschaffen. Zu Ende der Weimarer Republik gab es in Münster die Westfälische Wohlfahrtsschule, an der Weber bereits als Kaplan gelehrt hatte und in deren Kuratorium er weiter als Vorsitzender wirkte, ferner das katholische sozialpädagogische Seminar zur Ausbildung von Jugendleiterinnen, Hortnerinnen und Kindergärtnerinnen, das Sozialpädagogische Schwesternseminar des Caritasverbandes sowie die von Weber 1927 gegründete fortschrittliche „Akademie für Soziale Frauenarbeit“, die der Weiterbildung des sozial-caritativen Personals diente.

5.2. Aufgaben im Zentralrat und Zentralvorstand des Deutschen Caritasverbandes

 

Weber pflegte eine intensive Zusammenarbeit mit der Zentrale des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg. Eine von gemeinsamer Arbeit und verwandtem Denken geprägte Freundschaft verband ihn mit seinem 1921 gewählten Präsidenten Benedikt Kreutz.

Als Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes Münster gehörte Weber dem Zentralrat und dem Zentralvorstand des Deutschen Caritasverbandes an. Er wurde schon früh zu überregionalen Aufgaben  herangezogen. Als der Caritasverband in den ersten Nachkriegsjahren zielstrebig der Caritasschulung für seine Mitarbeiter in Angriff nahm, wurde der erst 32jährige Weber auf der Sitzung des Zentralrates 1920 in den „Ausschuß für caritative Schulung im Zentralausschuß des DCV“ berufen. Auf der gleichen Sitzung schlug er die Einrichtung einer Stellenvermittlung für caritative Berufe vor.

Bei neun Zentralratssitzungen, so u.a. 1929 und 1934 in Münster hielt Weber wegweisende Referate für die Caritasarbeit. Mehrere dieser Vorträge bezogen sich auf den Zusammenhang von Wirtschafts- und Caritaswissenschaft sowie die Öffentlichkeitsarbeit. Sein Referat „Caritas und Wirtschaft“ 1929 ist für seine ökonomisch orientierte Caritaswissenschaft kennzeichnend. Weber wies das Vorurteil zurück, wonach zwischen Caritas und Wirtschaft unüberwindbare Gegensätze beständen. „Das wirtschaftliche Handeln (…) verträgt sich nicht nur (..) mit dem Caritasgedanken, sondern die Caritas kann und sollte hier manches lernen.“ Für Weber, der das Ziel der Wirtschaft in der Bedarfsdeckung der Menschen sah, können und müssen sich Caritasgesinnung und Wirtschaftsorientierung in Einklang befinden. Je nach Unternehmenstyp der caritativen Organisationen müsste das Rentabilitätsprinzip mehr oder weniger Anwendung finden.

Auf dem 29. Deutschen Caritastag 1929 in Freiburg mit dem Thema „Rettung der christlichen Familie“ leitete Weber die Fachgruppe „Familie und Volkswirtschaft“. Sie diskutierte kurz vor Beginn der Weltwirtschaftskrise Probleme der Wohnungsfürsorge und des Siedlungswesens für minderbemittelte Bevölkerungsschichten, erarbeitete Kriterien für eine zielorientierte Wohnungs-, Siedlungs- und Auswanderungspolitik und wies auf die erforderliche Beratung und Betreuung der Auswanderer und Siedler hin.

5.3. Vorsitzender des Fachausschusses Caritaswissenschaft

 

Weber bekleidete mehrere wichtige Funktionen im Deutschen Caritasverband. Seit 1921 leitete er den Fachausschuss für Caritaswissenschaft, dem bekannte Caritas- und Sozialwissenschaftler angehörten. Dieser Ausschuss fasste zu Beginn der Weimarer Republik den Plan, ein nach der politischen Wende dringend benötigtes „Handbuch der Wohlfahrtskunde“ herauszugeben, das als Lehrbuch in den sozialen Schulen und der Praxis dienen sollte und dessen Konzeption und Aufbau Heinrich Weber entwarf. Dieser Plan scheiterte jedoch wegen der schnell steigenden Druckkosten- und Papierpreise während der Inflation. Dafür beteiligten sich mehrere Mitglieder des Ausschusses an dem vom Wohlfahrtsministerium herausgegebenen „Handwörterbuch der Wohlfahrtspflege“. Wäre Webers Plan gelungen, hätte sich wohl der Begriff „Wohlfahrtskunde“ in der frühen Verwissenschaftlichung der sozialen Arbeit eher durchgesetzt.

1922 entwarfen mehrere Mitglieder des Ausschusses Denkschriften an die Bischöfe mit dem Ziel, die Caritaswissenschaft als pflichtmässiges Prüfungsfach in den Lehrplan der Theologen aufzunehmen und eine in Grundzügen einheitliche Regelung des Studiums der Caritaswissenschaft durchzuführen. Es gab weithin keine eigenen Lehrstühle für Caritaswissenschaft. Dieses zentrale Feld der Seelsorge wurde meist von der Pastoraltheologie mit behandelt.

Ab 1925 gab der Ausschuss die wissenschaftliche Reihe „Schriften zur Caritas-wissenschaft“ heraus, die in der Fachöffentlichkeit hohe Anerkennung fand. Weber nannte als weitere dringend zu erarbeitende Forschungsthemen Caritaswissenschaft und Sozialwissenschaft; Caritaswissenschaft und theologische Wissenschaft; Caritas und Staat; Caritas und Politik; Caritas und soziale Frage; Caritas und Kirche als Organisation; Wirtschaftsleben, Produktivität und Rentabilität der Caritas. Er trat in dem Ausschuss für die wissenschaftliche Gestaltung der Zeitschrift „Caritas“ ein. Ferner suchte er den wissenschaftlichen Austausch mit dem Ausland: „Wir müssen unsere Schriftenreihe ins Ausland bringen und suchen, vom Ausland her Fachliteratur hereinzubekommen.“

Der Realisierung seiner Pläne standen in der Weimarer Republik immer wieder finanzielle Schwierigkeiten entgegen. Dennoch kommt dem Ausschuss unter der Leitung von Weber das Verdienst zu, im Deutschen Caritasverband und darüber hinaus in schwieriger Zeit das Bewusstsein der Notwendigkeit wissenschaftlicher Fundierung und Begleitung caritativer Praxis grundgelegt und intensiviert zu haben.

5.4. Vorsitzender der Finanzkommission

Seit 1929 leitete Weber auch die sehr einflussreiche Finanzkommission des Deutschen Caritasverbandes. Nach seiner Wahl trug er der Kommission das bereits genannte Referat „Caritas und Wirtschaft“ vor, in dem er sein theoretisches Konzept, quasi sein Kommissionsprogramm über die Beziehungen zwischen Caritas und Wirtschaft darlegte. Er wies darauf hin, dass „eine gesicherte und ausreichend wirtschaftliche Basis für die caritativen Einrichtungen eine Lebensfrage“ ist. Es sei eine wirtschaftliche Notwendigkeit, dass die caritativen Organisationen an die Zukunftssicherung denken.

Mit dem Kommissionsvorsitz übernahm Weber eine schwerwiegende Verantwortung wenige Monate vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. 1931 formulierte Weber die für den Caritasverband verbindlichen betriebswirtschaftlichen Grundsätze und gab ihm zur finanziellen Richtschnur, er müsse „als caritative und katholische Organisation bestrebt sein, mindestens ebenso strenge, ja strengere Bewertungsgrundsätze anwenden, als dies der Gesetzgeber von den Aktiengesellschaften verlangt.“

Diese strengen Maßstäbe, die Weber dem Caritasverband auferlegte, ermöglichten dem Caritasverband in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur, als dirigistische Kontrollen zunahmen, die Zuwendungen des Staates ausblieben, ja sogar Steuern auferlegt wurden, das Überleben.

In kluger Voraussicht der kirchenfeindlichen restriktiven Politik des national-sozialistischen Regimes schrieb Weber in den Bericht der Finanzkommission für das Jahr 1932: „Die „Tatsache [des geringen Eigenkapitals] zwingt mit absoluter Notwendigkeit zu folgenden Konsequenzen (…) Es ist mit allen Kräften die sparsamste Wirtschaftsführung zu erstreben, um eine Stärkung der eigenen Mittel im Laufe der Zeit wieder zu erreichen.“

Weber war sich der Umbruchssituation bewusst. Er wollte gegensteuern und die Mitarbeiter der Caritas auf die Umwälzung vorbereiten. „Alle Kreise (..) in der Caritas (..) spüren wohl, dass im sozialen und wirtschaftlichen Leben Deutschlands eine Zeitenwende hereingebrochen ist, in der auch unbedingt eine Wende für unsere katholische Caritas sich vollziehen wird. Es taucht die Frage auf: Ist die Caritas auf diese Wende gerüstet? Wird sie den möglichen Gefährdungen Widerstand leisten können? Was braucht sie zu einem erfolgreichen Widerstand, vor allem zu einem wirkungsvollen Bestand?“

Zur Selbstbehauptung brauchte die Caritas nach Weber vor allem drei Dinge: 1. eine tragfähige Organisation, 2. personelle und materielle Mittel, 3. ein tragfähiges geistiges Fundament. Weber hat bei aller gründlichen finanziellen Detailarbeit den Blick für die personellen und geistigen Zusammenhänge bewahrt.

 

6. Zwangsversetzung nach Breslau

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung Ende Januar 1933 änderte sich das Leben für den Caritasverband wie für Heinrich Weber schnell. Weber wurde schritt-weise aus seinen Aufgabenfeldern an der Universität Münster gedrängt. Bereits im Frühsommer 1933 wurde Druck auf ihn ausgeübt, einen Antrag auf Versetzung in die Katholisch-Theologische Fakultät zu stellen, die am 1. November 1933 erfolgte. Diese Maßnahme nationalsozialistischer Hochschulpolitik berief sich auf das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom April 1933, das zum Ziel hatte, für das Regime missliebige Professoren ihres Einflusses zu berauben oder ganz von der Hochschule auszuschalten. Nationalsozialisten des Münsterlandes hatten hinter den Kulissen eifrig seine Entfernung aus der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät betrieben, die sie als ihre eigentliche „Urdomäne der nationalen Revolution“ ansahen.

Weber wurde von seinem Amt als Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozial-wissenschaften entbunden, ferner wurde ihm das Prüfungsrecht an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät am 13. November 1933 entzogen.

Die nationalsozialistische Studentenschaft hielt Weber für den „gefährlichsten von sämtlichen Gegnern“, der „vor allen anderen baldmöglichst verschwinden müsse“. Auf Drängen des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes musste Weber 1935 seine langjährige Tätigkeit im „Förderausschuß des Studentenwerkes Münster“ aufgeben. Um so erstaunlicher ist der mutige Dankesbrief des Geschäftsführers des Studentenwerkes an Weber: „Aus Freude an der Arbeit haben Sie keine Mühe, Sorge und Arbeit gescheut, um nach gewissenhafter Beurteilung Ihre Entscheidungen zu fällen. (…) Hunderte von Studenten haben ihr Studium und ihre Berufserfüllung Ihnen zu danken. (…). “ Der Geschäftsführer des Studentenwerks wurde daraufhin seines Amtes enthoben.

Aber die nationalsozialistischen Machthaber begnügten sich nicht mit den bisherigen gegen Weber gerichteten Maßnahmen. Mit Datum vom 24. Juli 1935 erhielt er ein Einschreiben vom Preussischen Kultusminister, das seine Zwangsversetzung in die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Breslau zum 1. Oktober 1935 bestimmte. Dort wurde ihm die Professur für Caritaswissenschaft übertragen. Dieser Lehrstuhl war seit 1926 vakant gewesen. Mit der Verlegung seiner Professur nach Breslau wollte die nationalsozialistische Regierung dem im Münsterland und darüberhinaus einflussreichen Mann seinen langjährigen Wirkungsraum nehmen. Ein Versuch Bischof Bernings, das Ministerium zu einer Rücknahme der Versetzung Webers zu bewegen, blieb ebenso erfolglos wie sein Bemühen um eine Beurlaubung Webers.

Die Breslauer Universität versuchte die Zuweisung Webers zu verhindern. Der dortige Rektor stufte ihn in einem Schreiben an den Preußischen Kultusminister als „politisch nicht zuverlässige Persönlichkeit“ ein. Dieser blieb aber bei seiner Entscheidung, ein Zeichen dafür, dass man Weber unbedingt aus dem Raum Nord-rhein-Westfalens entfernt wissen wollte, denn die Bischöfe der Kölner Kirchen-provinz hatten auf ihrer Konferenz am 27./28. März 1935 einstimmig beschlossen, Weber die ehrenamtliche Leitung der neugegründeten Finanzkammer in Münster zu übertragen, „die im Auftrage der Bischöfe der gesamten Kirchenprovinz ihre Aufgaben erfüllen“ sollte. Die Ernennungsurkunde zum ehrenamtlichen Leiter hatte Kardinal Schulte Weber am 17. April 1935 ausgehändigt. In dem Schreiben wurde der Finanzkammer das Recht und die Pflicht übertragen, „die Finanzwirtschaft aller überdiözesanen kirchlichen Institute und klösterlichen Genossenschaften bischöflichen Rechtes im Bereiche der Kölner Kirchenprovinz laufend zu überwachen“. Die offizielle Errichtung der Kammer erfolgte am 1. Juli 1935, kurz vor der Zwangsversetzung von Weber nach Breslau. Die Konferenz der Bischöfe der Kölner und Paderborner Kirchenprovinz drückte am 18. November öffentlich ihr Bedauern über diese Zwangsversetzung aus, verbunden mit dem Dank für Webers Bereitschaft, die ehrenamtliche Oberleitung der Finanzkammer auch von Breslau aus wahrzunehmen.

Die Finanzkammer war ein Politikum. Die Notwendigkeit eines effektiven, rechtlich einwandfreien und wissenschaftlich überprüfbaren kirchlichen Finanzgebarens waren durch „Devisenprozesse“ gegen zwei Generalvikare und einige Ordensobere ausgelöst worden, die den Nationalsozialisten relativ früh als Vehikel eines gross angelegten Propagandafeldzuges gegen die katholische Kirche dienten. Mit Webers fortan zentral gelenkter kirchlicher Finanzkontrolle wurde den Nationalsozialisten eine Angriffsmöglichkeit genommen.

6. Breslauer Zeit

Eine Folge der Übersiedlung Webers nach Breslau war, dass er sich 1936 gezwungen sah, seinen Vorsitz im Diözesan-Caritasverband Münster niederzulegen. Bischof von Galen entsprach seinem Gesuch erst im April 1937. An Professor Weber schrieb er: „Wenn ich auch die Gründe, die Sie zu diesem Schritte veranlassten, als berechtigt anerkennen muß, so habe ich mich doch nur ungern und zögernd entschliessen können, Ihrer Bitte zu entsprechen. Denn ich weiß es aus unmittelbarer Erfahrung, mit wieviel sachkundigem Eifer und weiser Tatkraft Sie jahrelang die Leitung des Diözesan-Caritasverbandes wahrgenommen haben, und mit welchem Erfolge Sie unermüdlich tätig waren, die Caritasarbeit in unserem Bistum nach innen und außen weiter auf- und auszubauen. Dadurch haben Sie mir und der Diözese auf dem Gebiete der christlichen Nächstenliebe große und wertvolle Dienste geleistet, die in der Geschichte des Diözesan-Caritas-Verbandes stets ehrenvolle Erwähnung finden werden und für die ich Ihnen meinen wärmsten oberhirtlichen Dank ausspreche.(…)  + Clemens August.“

Aus Anerkennung seiner caritativen, pastoralen und theologischen Verdienste hat sich Bischof von Galen beim Apostolischen Stuhl dafür eingesetzt, dass Weber zum Päpst-lichen Hausprälaten ernannt wurde. Diese Ehrung, die gleichzeitig auch ein Zeichen öffentlichen Protestes war, erfolgte am 20. Juni 1938.

Seine Tätigkeiten bei der Zentrale des Caritasverbandes hat Weber beibehalten. Seine wichtigste Funktion in der Zeit des Nationalsozialismus, in der der Handlungsspielraum des Caritasverbandes immer enger wurde und er schliesslich um sein Überleben rang, war die des Vorsitzenden der Finanzkommission. Durch diese überlebenswichtige Aufgabe wuchs Weber in eine immer engere Vertrauensstellung zum Präsidenten Kreutz, der auf die Kompetenz dieses Wirtschaftsfachmanns nicht mehr verzichten konnte.

Trotz der widrigen politischen Umstände hat Weber sich in Breslau ein neues Aufgabenfeld aufgebaut. Im Auftrag von Kardinal Bertram ging er zügig an den Aufbau des „Bischöflichen Instituts für kirchliche Verwaltung und Finanzwirtschaft“, das im No-vember 1936 eröffnet wurde. Hier wurden die führenden Verwaltungs- und Finanz-fachleute der Generalvikariate und die Ökonomen der Klöster für ihre Aufgaben in einjährigen Kursen geschult. Weber gab zwei sehr nachgefragte Schriftenreihen zur „Kirchlichen Verwaltungslehre“ und kirchlichen Verwaltungswissenschaft heraus. Von unschätzbaren Wert für die Bistümer, Gemeinden, Orden während der nationalsozialistischen Diktatur war vor allem seine umfangreiche Gutachter-, Auskunfts- und Beratungstätigkeit. Mehrere hundert Gutachten haben er und seine ehrenamtlichen Mitarbeiter, oft hochkarätige Persönlichkeiten, die aus ihren Ämtern verjagt worden waren, zu fast allen Bereichen des Rechts verfasst.

Weber hat mehrfach Kritik an der nationalsozialistischen Ideologie gewagt, die zwar nur für aufmerksame Intellektuelle sofort erkennbar war, aber doch sehr deutlich ist. Bemerkenswert sind Passagen aus seinem Buch „Wesen der Caritas“, das er gegen politische Bedenken der „Verlagskommission“ des Caritas-Verlages 1938 zum 40jährigen Jubiläum des Caritasverbandes veröffentlichte. Der Sozialwissenschaftler Weber war ein Meister der wertfreien soziologischen Formulierungskunst, in der aber doch eindeutig Kritik enthalten war. Beispielhaft sei folgende Stelle zitiert:  „Ob es Protago-ras, ob es Hobbes, ob es Max Stirner, ob es Darwin ist, immer wieder hören wir in den verschiedenen Variationen die gleiche Grundlehre: homo homini lupus! (…) Diesen Autoren ist eben der Mensch eine ‚prachtvolle, nach Beute und Sieg lüstern schweifende Bestie‘, wie Nietzsche es bekanntlich formuliert hat. Nach dieser Auffassung ist es Heuchelei, wenn der Mensch moralisch und tugendhaft zu handeln scheint, namentlich wenn er die Tugend der Feindesliebe scheinbar übt.“

 

Weber wagte es auch, Hermann Althaus, dem Amtsleiter im Hauptamt für Volkswohlfahrt, der die Aufgabe der kirchlichen Diakonie 1935 auf „die Betreuung der Erbkranken und Asozialen“ einschränken wollte, öffentlich zu widersprechen. Dem von der nationalsozialistischen Wohlfahrtspolitik verfolgten Sonderungsprinzip caritativer Aufgaben setzte er Prinzipien katholischer Caritas entgegen: „Nicht immer fand und findet das Totalitätsprinzip der katholischen Caritas Anerkennung. Man stellt gelegentlich dem Totalitätsprinzip das Sonderungsprinzip entgegen, indem man die Aussonderung bestimmter Arbeitsgebiete aus dem Wirkungsbereich der katholischen Caritas zur Forderung erhebt. Der sachliche Betätigungsbereich der Caritas soll dann eine entsprechende Einengung erfahren.“ Weber verteidigte den Anspruch der katholischen Caritas mit der Ganzheitsperspektive des Katholizismus: „Im wirklichen Leben lassen sich die Notstände nicht isolieren und sondern, also ist auch grundsätzlich eine Sonderung der Notstandshilfe nicht zu rechtfertigen.“ Der nationalsozialistischen Ideologie begegnete er sachlich aus klarer katholischer Position.

Dieses Vorgehen kennzeichnet Webers Strategie. Er geht in seiner Kritik an dem Regime und seiner Ideologie an die situationsspezifisch jeweils denkbare Grenze, ohne den Caritasverband ernsthaft zu gefährden. Es ist die kontrollierte und reflektierte Klugheit, mit der man selbst ein Terrorregime zu einem gewissen Grade unterlaufen kann. Weber wusste um die Risiken, die ihn und die von ihm beratenen Organisationen ständig umgaben, er wußte als wacher Mensch und als Vertrauter des Caritaspräsidenten um die Verwandten, Freunde, Priester, Caritasmitarbeiter, die in die Fänge der Geheimen Staatspolizei gerieten und in die Konzentrationslager verschwunden waren.

Die Geheime Staatspolizei hat die scharfsinnige Kritik aber doch entdeckt, denn bald erhielt Weber Veröffentlichungsverbot und wurde unter ständige Gestapo-Aufsicht gestellt. Sein gesamtes Institut litt zunehmend unter knappster Papierzuteilung und Druckverbot. Weber hat sein ursprünglich auf mindestens vier Bände geplantes Lehrbuch der Caritaswissenschaft nicht mehr veröffentlichen können. Seine fertigen Manuskripte musste er bei der Vertreibung durch den Sicherheitsdienst aus der zur Festung erklärten Stadt Breslau zurücklassen.

7. Rückkehr nach Nordrhein-Westfalen

Nach einer Odyssee durch ganz Deutschland kehrte Weber zunächst in seine Heimatstadt Recklinghausen und dann in die völlig zerbombte Universitätsstadt Münster zurück. Mit Hilfe des ersten Nachkriegsrektors Georg Schreiber, der ebenfalls unter den Nationalsozialisten gelitten hatte, gelang Weber die Restitution in sein Professoren-amt an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät.

Obwohl selbst völlig verarmt, sorgte er sich sofort um die notleidende Bevölkerung. Bereits im August 1945 traf sich Heinrich Weber mit dem Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes im caritaseigenen St. Elisabeth-Krankenhaus in Köln-Hohenlind, wo damals auch Kardinal Josef Frings und Oberbürgermeister Konrad Adenauer Unterschlupf gefunden hatten. Das Treffen diente der Weiterführung der Arbeit des Caritasverbandes. Die Caritasspitzen planten, beschlagnahmte Häuser wieder zu erhalten und zerstörte aufzubauen, nationalsozialistische Maßnahmen, die die caritative Arbeit erschwerten und einengten, zu beseitigen. Es wurde auf Webers Anregung eine Hauptvertretung für die britische Besatzungszone mit dem Doppelsitz Köln und Recklinghausen geschaffen. Weber sollte für die Finanzen zuständig sein. Das Institut für kirchliche Verwaltung und Finanzwirtschaft sollte mit Zustimmung von Kardinal Frings nach Köln verlegt werden.

In Münster engagierte sich Weber für die Studentenschaft. Zusammen mit wenigen Kollegen und einigen namhaften Studenten wiederbelebte er im Herbst 1945, als die Universität provisorisch ihren Betrieb wieder aufnahm, das Studentenwerk.

Weber hatte in dieser Zeit entscheidenden Anteil an der Gründung einer der bedeutendsten sozialwissenschaftlichen Forschungsstätten der Bundesrepublik der Nachkriegszeit, der „Sozialforschungsstelle Dortmund an der Universität Münster“. Diese Namensgebung wurde nach Gesprächen mit den Münsteraner Kollegen Walther Hoffmann und Alfred Müller-Armack im Oktober 1945 beschlossen. Die neu zugründende Dortmunder Institution sollte als externe Forschungsstelle des Münsteraner „Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ aufgebaut werden, das nach Webers Plänen ebenfalls wiedererrichtet werden sollte.

Weber erklärte sich trotz seiner persönlichen Belastungen bereit, die wissenschaftliche Leitung des Dortmunder Forschungsinstituts zu übernehmen. Zusammen mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft fand am 17. April 1946 unter seiner Leitung die Gründungsversammlung der Gesellschaft „Sozialforschungsstelle“ in Dortmund statt. Zielsetzung und sozialwissenschaftliche Aufgaben der Forschungsstelle entsprachen der multidisziplinären Arbeitsweise, die Weber schon in der Weimarer Zeit  gepflegt hatte. Auch die Verknüpfung von Theorie und Praxis und der Plan der Verwertung von Wissenschaft in der Fortbildung stimmten mit seinen Leitlinien von Wissenschaft überein.

Mitten in den Aufbauplänen für Caritas, Kirche, Staat und Gesellschaft ereilte Weber eine todbringende Krankheit, der er am 29. August 1946 erlag. Der „Tagesspiegel“ schrieb in seinem Nachruf: Weber habe „dazu beigetragen, die katholische Sozialarbeit auch in Deutschland aus ihrem bis dahin nur rein publizistischen Dasein in die politischen Entscheidungen und in die Praxis zu führen (…). Das katholische Hochschulleben verliert in ihm, viel zu früh, eine seiner bedeutendsten Persönlichkeiten, einen Wissenschaftler von hohem Rang und internationalem Gewicht.“

Sein Lehrstuhl blieb bis August 1951 vakant. Erst dann wurde Joseph Höffner als sein Nachfolger berufen. Die lange Vakanz des Lehrstuhls von mehr als vier Jahren in den Gründungsjahren der Bundesrepublik Deutschland hat erheblich zum frühen und langen Vergessen von Heinrich Weber beigetragen.

 

8. Würdigung

Heinrich Weber hat in der Umbruchszeit der Weimarer Republik und, soweit es der einschränkende politische Rahmen der nationalsozialistischen Diktatur zuließ, auch noch über diese Zeit hinaus, wegweise Akzente für Sozial- und Wirtschaftsethik und für Theorie und Praxis der Caritasarbeit gesetzt. Die Kombination seiner Funktionen als Professor für Wirtschaftswissenschaften, Gesellschaftslehre und Fürsorgewesen, in Verbindung mit seinem Lehrauftrag für Christliche Gesellschaftslehre, und viele Jahre gleichzeitig als Vorsitzender des Diözesancaritasverbandes Münster sowie der Finanzkommission des Caritasverbandes, sodann der Leitung der Bischöflichen Finanzkammer wie des Instituts für kirchliche Verwaltung und Finanzwirtschaft haben ihn gefordert, Kenntnisse und Einsichten miteinander zu verknüpfen, die sonst verschiedenen Experten vorbehalten sind.

Weber hat nicht allein eine Fülle von Themen im Bereich von Sozial- und Wirtschaftsethik, Finanzwissenschaft, Wohlfahrtskunde und Caritaswissenschaft aufgegriffen, sondern darüber hinaus in erstaunlichem Maße vertieft. Als einer der ersten Theologen hat er empirisch soziologisches Wissen in theologische und philosophische Theorie und die praktische Gestaltung von Kirche eingebracht und ist damit ein Brückenbauer der Kirche in die Moderne gewesen. Heinrich Weber war von seiner Herkunft her vom Milieukatholizismus als der unter Katholiken vor-herrschenden Sozialform geprägt, und er hat als so geformte und doch selbstbewusste Persönlichkeit in diesen Sozialkatholizismus anregend, gestaltend und stabilisierend hineingewirkt. Dies war ihm möglich, weil er bewahrende und vorwärtsweisende Elemente in seiner Person zu verbinden vermochte. Er hat es verstanden, seine katholisch geprägte Identität in den Diskurs der Wissenschaften einzubringen und zahlreiche Kontakte zu Personen in Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Gesund-heitswesen und praktischer Sozialarbeit zu knüpfen, die eine liberal-protestantische oder gewerkschaftlich-sozialdemokratisch orientierte Sozialisation erfahren hatten. Er hat seine eigene engagierte katholische Position in diesem Diskurs nie verschwiegen, aber er hat aufmerksam andere Positionen wahrnehmen und in seinem Denken berücksichtigen können. Er hat von ihnen gelernt, ohne das Eigene zu verraten. In seinem Handeln und in seinem Dialog ist er glaubwürdig gewesen. Aufgrund dieser Integrationskompetenz konnte er sich einbringen in die Entwicklung der Sozialen Arbeit, ihre Aus- und Fortbildung und die gründliche Reflexion dieser Sozialen Arbeit, die in der Umbruchszeit der Weimarer Republik einen vorwärtsweisenden Schub erfuhr. So konnte er erheblich zu ihrer Professionalisierung und Verwissenschaftlichung beitragen.

Vorbildhaft für spätere Generationen ist seine Fähigkeit der Verknüpfung von Theorie und Praxis. Weber hat bewusst vertreten, dass die Theorie die Praxis nicht ignorieren darf, vielmehr von den praktischen Verhältnissen ausgehen und sich an ihnen erproben lassen muss. Er selbst hat in der Praxis der Wohlfahrt gearbeitet und ist während seiner gesamten wissenschaftlichen Tätigkeit mit der Praxis in Fühlung geblieben. Er hat aber auch hervorgehoben, dass sich die Praxis ohne die richtungsweisende Theorie nicht zurechtfinden kann, wie er mehrfach in seinen Werken betonte: „Praxis sine theoria est caecus in via.“

Weber begleitete die caritative Praxis, wenn erforderlich, mit Kritik. Er scheute nicht, Fehlentwicklungen und Missstände in der caritativen Arbeit zu benennen, dies aus der selbstauferlegten Distanz eines engagierten und von der Not leidender Menschen betroffenen und einfühlsamen Wissenschaftlers, der einen geschärften Blick für den Kairos der geschichtlichen Stunde hatte und erkannte, welche Maßnahmen und Reformen in welcher Notlage am zweckmäßigsten zu ergreifen waren. Seine Kritik erwuchs aus der Reflexion caritativer Praxis in theologischer Perspektive.

Seine wirtschaftswissenschaftlichen wie auch seine organisationssoziologischen Kenntnisse bewahrten ihn in einer ideologieträchtigen Zeit vor verzerrender Ideologiebildung. Seine sozialpolitischen und sozialpädagogischen Perspektiven, Zielsetzungen und Maßstäbe waren nüchtern und realistisch. Weber hatte ein Gespür für die Notwendigkeit nützlichen Detailwissens zur Bewältigung der konkreten sozialen Probleme. Er ist über dieses Detailwissen nicht zu einem einseitigen Experten geworden. Er vermochte es einzuordnen in die grundlegenden Orientierungslinien seines Denkens, dessen Schwerpunkt in sozialethischer und theologisch-caritativer Perspektive lag, das aber seine aktualisierende Ergänzung in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften fand.

Die Kombination seiner Themen ist bis heute nicht weiter verfolgt werden. Die Zeit des Nationalsozialismus und sein früher Tod in der unmittelbaren Nachkriegszeit haben die Kontinuität seines Denkens und Forschens im Bereich der Caritaswissenschaft verhindert. Die Nachkriegswissenschaftler, auch der Christlichen Sozialwissenschaften, waren mit neuen Sorgen des Wiederaufbaus und des demokratischen Neubeginns so sehr beschäftigt, dass sie nicht mehr aufgriffen, was Heinrich Weber während der Weimarer Republik angestossen hatte. Hinzu kam, dass die Sozialethiker der Nachkriegszeit weithin Fragen der Sozialarbeit nicht mehr reflektierten und in ihre wissenschaftliche Fragestellung einbezogen.

Die Verknüpfung der von Weber überschauten und integrierten Wissenschaftsdiszi-plinen ist seine bisher einmalige Leistung geblieben. Der Verbindung von Wirt-schaftswissenschaften und Sozialethik wenden sich auch in der Gegenwart häufiger Forscher zu; aber der gleichzeitige Einbezug der Wohlfahrtskunde, der heutigen Sozialarbeitswissenschaft, und der Caritaswissenschaft als theologischer Disziplin wurde über Jahrzehnte vernachlässigt. Dabei hat der soziale und der wirtschaftliche Beitrag der Sozialarbeit im Rahmen des gesamten sozialökonomischen Handelns eher zugenommen.

Trotz der Erweiterung der Berufsfelder der Sozialarbeit in den letzten Jahrzehnten wurden die sozial- und wirtschaftsethischen Grundlagen der Sozialarbeit kaum mehr bedacht, zum Nachteil der Ausbildung und Klientel Sozialer Arbeit. So erfährt die Gesellschaft zwar einen nicht zu unterschätzenden Ausbau der sozialen Organisa-tionen; aber der organisatorische Ausbau garantiert nicht, dass die caritative und solidarische Gesinnung damit Schritt hält.

Organisationen können, wie Weber bereits erkannte, Selbstzweck werden. Es droht in einer rational organisierten Welt vergessen zu werden, was Weber in seinen Vorträgen und Publikationen bei aller nüchternen Betrachtung der Organisationsprobleme und der Wirtschaftlichkeit von Wohlfahrtspflege und Caritas in der Sprache seiner Zeit hervorgehoben hat: „Der caritative Geist ist die Grundlage jeder Caritasarbeit. Die schönsten Statuten und Instruktionen sind wirkungslos, wenn nicht alle Gemeindeangehörigen, namentlich die Mitglieder der caritativen Vereine, von echter Caritas-gesinnung durchdrungen sind. Nur aus dem Caritasgeist kann die Caritastat hervor-wachsen, und die Caritastat wird umso freudiger und reicher sein, je tiefer und wahrer der Caritasgeist ist.“

Bei Weber lassen sich die spirituellen Grundgedanken für ein modernes Leitbild von Caritas finden.